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heigh Magazine // Sag es laut!

Hausfreund Semanski

Sebastian Symanowski aka. Hausfreund Semanski, Singer-Songwriter, philosophischer Querdenker, mit musikalischer  Dauerschleife im Kopf – über Dorfdiscos, das kollektive Bewusstsein und warum Fragen viel wichtiger sind als Antworten.

Vor kurzem habe ich ihn am Bäcker in Buckau getroffen. Das Wetter war nochmal spätsommerlich und wir konnten uns zum interaktiven Interview nach draußen setzen.

Ich habe mir gedacht, dass wir heute an einer Collage arbeiten und habe verschiedene Materialien mitgebracht.
Welches Papier sollen wir nehmen, dünnes Zeichenpapier oder dickes Papier, was auch für Acryl und Aquarell geeignet ist?

Ich wähle dünn, wegen der Ressourcen. Ich meine, bald ist Schluss!! Ich freue mich schon! Ich glaube mittlerweile, dass ich noch erlebe, dass hier keine Autos mehr fahren und seit dem ich das glaube, denk ich, ach toll, das wird ja schön. Ich halte das für einen totalen Irrweg, dass man in der Stadt Auto fahren darf und dass wir auch noch so einen Fetisch daraus gemacht haben. Das finde ich total krass.

Wie meinst du das mit dem Fetisch?

Also warum ich z.B. zum Sport gehe ist, damit ich mich selbst ermächtige, etwas aus eigener Kraft zu machen und somit selbst schnell sein kann. Ich glaube, dass man uns jetzt ein paar Generationen lang eingebläut hat, dass man das ans Auto delegiert. Also Dynamik, Bewegung und so weiter. Eigentlich ist das Auto eine Sache für einen bestimmten Zweck, aber es ist so aufgeladen worden mit ganz komischen Bildern und Gefühlen. Freiheit, Status, Männlichkeit, Kraft, Macht, das nervt mich. Ich finde jeder darf seine Nightrider- und Matchboxauto-Phase haben, aber man muss diese irgendwann überwinden. Und ich sehe ganz oft, aha, diese Phase wurde nicht überwunden, also es hat eine Entwicklungsstörung stattgefunden.

„Hausfreund Semanski spielt Lieder aus einer längst vergessenen Zukunft, während hinten die Gitarre im Kamin knistert.“ habe ich in einem online Artikel von Wenzel Oschington über den Hausfreund Semanski gelesen.

Das ist die Wahrheit.

Du scheinst dich gerne Metaphern und Wortspielen zu bedienen, die zum Lachen, Augenbrauen hochziehen aber vor allem auch zum Nachdenken anregen. Was meinst du, wenn du über eine längst vergessene Zukunft sprichst?

Das soll natürlich ausdrücken, dass ich nicht gut Gitarre spiele, sondern die Gitarre nur ein Werkzeug ist. Das mit der längst vergessenen Zukunft kommt von meinem guten Draht zu Kindern. Ich habe mich immer gefragt, wie das eigentlich sein kann, dass ein Kind, was auf den Schultern des Vaters sitzt, wenn ich an einer Gruppe von Menschen vorbeigehe, mit dem Finger auf mich zeigt. Da denk ich mir, ja, wir haben uns wohl schon irgendwo gesehen, wahrscheinlich irgendwo in der Zukunft, damals. Lustigerweise benutzt Erich von Däniken das Gleiche und ist jetzt demnächst in Magdeburg und die Show heißt Erinnerungen an die Zukunft und da dachte ich, oh Mist, jetzt bin ich bei dem komischen Alien-spirituellen Typen gelandet, aber vielleicht hat er ja recht. Das weiß ja keiner, dass ist das schöne an Fragen.

Bei längst vergessene Zukunft musste ich an Zurück in die Zukunft denken, an Marty, der immer in die Zukunft oder aber auch in die Vergangenheit reist und dort versucht irgendetwas zu ändern. Gibt es da einen Zusammenhang und versuchst du mit deinen Texten irgendwas zu ändern?

Auf jeden Fall. Ich meine viel weniger Zeitreisen, sondern ich meine das kollektive Bewusstsein. Eigentlich möchte ich ganz rational sein, aber irgendwie glaube ich schon, dass alles die Wahrheit ist und wir in zwanzig Jahren alles besser wissen und merken, das wir alle immer das Gleiche gemeint haben. Die Quantenphysik wird uns dann erklären, dass Glaube, Spiritualität und vielleicht auch die Astrologie immer alles das Gleiche war, dass alle immer das Gleiche gemeint haben und es viele Missverständnisse gab. Zeit ist relativ und alles war gleichzeitig, dass wir nun mal einfach weniger wahrnehmen und deswegen alles schon passiert ist, aber nicht für uns.

(c) Baba Green

Als ich Hausfreund gehört hab, habe ich mich gefragt, was das überhaupt heißen soll, mein Freund meinte das hört sich schmutzig an, da hab ich gleich mal gegoogelt. Welchen der Begriffserklärungen repräsentiert Herr Semanski und woher stammt die Idee für dein Alter Ego?

Im Deutschen heißt Hausfreund der Geliebte, der, der vorbeikommt, während der Ehemann weg ist. Da kommt der Ehemann früher vom Arbeiten wieder und streckt den Hausfreund nieder, weil er ihn in flagranti erwischt. Und ich weiß genau woher ich das Wort habe, das ist mir letztens klar geworden, als ich bei  Youtube Videoschnipsel von Heinz Erhardt gesehen habe. Den habe ich als Kind durch meine Eltern kennengelernt. Wir haben das früher während dem Autofahren gehört, um uns Kinder zu bespaßen, und das hat mich wohl sehr beeinflusst. Es gibt einen Sketch, ich weiß gar nicht mehr welcher, da habe ich das Wort das erste mal gehört und dann wurde mir klar, was das bedeutet. Ich weiß auch nicht ganz genau, wieso das Eingang gefunden hat in diesen Alter Ego, aber ich fand schon immer Kombinationen, die nichts miteinander zu tun haben, toll. Zum Beispiel: Monika Tanzband rettet die Welt. Das ist ein Titel von einer Band. Wer ist Monika? Keine Ahnung, was soll dieser Titel. Ich liebe diese Fragen, ich glaube, die Fragen sind hundertmal wichtiger als die Antworten – und auch viel stärker – und wenn jemand fragt, Hausfreund Semanski, was soll das denn heißen? Dann denke ich, genau!!! Keine Ahnung!! Das ist der Schlüssel zu: Das merk ich mir! Ich glaube, wenn du dich lange etwas fragst, und die Spanne sehr lang ist, in der du dich was gefragt hast, dann ist die Spanne, in der du dir etwas merkst, auch lange. Deswegen finde ich Fragen mega wichtig und Antworten überschätzt. Deshalb finde ich auch, dass Schule so schlecht funktioniert, da werden Kinder mit Antworten zugeschissen, wozu sie noch keine Frage gestellt haben.

Dann ist ja Hausfreund Semanski voll der Checker?

Wieso?

Naja der HAUSFREUND?

Ja. Ja klar. Aber das gute am Hausfreund ist ja auch, er ist auch ein bisschen harmlos.

Er wirkt so.

Naja. Aber so richtig böse sein, kann man ihm nicht, auch wenn man das möchte.

Das sind ja zwei verschiedene paar Schuhe. Er tarnt sich mit seiner braunen Cord Jacke. Hausfreund heißt ja auch Freund der Familie. Der eben unbegrenzt Zutritt hat, auch wenn der Mann nicht zuhause ist. Er tarnt sich.

Woher soll ich das wissen. Das ist schon nicht so einfach. Es ist eigentlich so, ich liebe das, wenn ich auf der Bühne jemand anders sein darf, dadurch bin ich geschützt, ich bewege mich hier also nicht privat und das gefällt mir sehr gut, und deswegen habe ich auch den Hausfreund erfunden, weil ich dann ganz angstfrei Grenzübertretung ausführen kann. Man darf sich bestimmte Freiheiten rausnehmen, die man vielleicht besoffen machen würde. Eigentlich gibt es keinen Grund sich darauf zu beschränken, weil es eigentlich okay ist, und so ist es auch mit dem Hausfreund. Der darf auch alles. Und wenn jemand dann sagt, das kannst du doch nicht sagen, dann sag ich, nah klar, dafür bin ich ja da. Ich hab mal bei einer Veranstaltung in einer Spielbank gespielt und vorher bei Facebook die Spielbank gedisst. Erstmal ist das für mich eine mafiöse Einrichtung, man arbeitet mit Sucht und solchen komischen Sachen und dann hatten die gerade so eine dämliche Werbung geschaltet überall in der Stadt. Da schrieb mich einer an und sagte, uns hat die Spielbank gerade drauf aufmerksam gemacht, das musst du löschen, und ich dachte so: Nein, ich bin hier der Künstler, ich bestimme hier den Diskurs, da kann man mir halt nicht reinreden und es gibt auch keinen Grund, ich darf das ja machen. Und deshalb mag ich diese Alter Ego Geschichte so gerne, man kann ja nicht Sebastian Symanowski dafür belangen, das war ja die Kunstfigur. Niemand kommt auf die Idee, dass der Buchautor das erlebt hat, was der Erzähler in dem Buch schreibt. Da war ich total sauer und hab dann gleich im Auto das passende Lied entwickelt. Ich hab die Daddelbude gedisst, hab die Daddelbude gedisst, hab die Daddelbude gedisst, da waren die sofort angepisst.

Also bekommst du deine Inspiration aus dem Leben?

Auf jeden Fall.

Auch aus dem Leben von Sebastian?

Auf jeden Fall! Auf der einen Seite ist es schwierig, das zu trennen. Auf der anderen Seite, ist es auch ein Vorteil, verschiedene Alter Egos zu haben. Tatsächlich hat HS auch Alter Egos, zumindest einen. Der war aber noch nicht auf der Bühne. Er heißt Mirko Fon. Das ist so ein richtiger Techno Assi. Ich glaube ja, dass in Süd Sachsen-Anhalt, Harz, Mansfelder Land, Sachsen etc. der Anteil der abgehängten ostdeutschen Männer, gerade auf dem Land und deren Neigung zum Extremismus und die Ausländerfeindlichkeit, hoch sind. Ich würde ja ganz gerne in Dorfdiscos, gerade auch in den problematischen Regionen und die Leute da abholen, wo sie sind. Ihnen Messages mitgeben, die sie dann auf dem Nachhauseweg an der Bushaltestelle mitgrölen und sich dann beim dritten Mal Singen fragen: “Waaaas!? Das hat er jetzt nicht gesagt!”. Das ist mein Ziel.

(c) Baba Green

Wieso eigentlich Gitarre und Gesang? Warum nicht einfach Gedichte bzw. lyrische Texte vortragen oder ein Buch schreiben?

Ich bin ja in dieses Performative rein gewachsen und wenn man die Musik gut macht, wenn man eine Schwingung auf alle anderen applizieren kann, dann kannst du damit verändern, wie alle sich die Leute fühlen und das schafft man mit Musik besser als mit den anderen Sachen. Ich liebe den Kontrast zwischen der Form und dem Inhalt. So kann ich das besser umsetzen. Ich schreibe zwar auch Texte und Gedichte, aber die perfekte Form ist für mich, wenn das mit Musik ist.

Deine Musik wird als Singer-Song-Writer-DeutschPop eingestuft, ich finde, dass man in deinen Songs immer wieder Sprechgesangs-artige Parts wiederfindet. Würdest du auch mal einen Rap-Text schreiben? Irgendwie könnte ich mir das gut vorstellen. Hausfreund goes BattleRap?

Aufjedenfall! Ich möchte so ein paar Sachen machen, ich kann sie aber noch nicht umsetzen. Ich versuche mich ja auch nicht total zu verzetteln. Ich habe aber das Gefühl, ich muss diese Gitarre zuerst bezwingen. Manchmal wiederum denke ich, dass ich dadurch etwas aufschiebe, was ich sofort machen könnte, wenn ich verstehen würde, dass es für mich gar nicht um die Gitarre gehen sollte. Vielleicht sollte ich mir eine Loopstation kaufen und gar nicht mehr Gitarre spielen. Ich fühle mich da eigentlich frei in der Wahl der Mittel. Es gibt auch Songs, die sind gerappt, ich kann sie nur noch nicht so gut auf Gitarre spielen, nur deshalb gibt es sie noch nicht. Aber ich spiele ja in der Band mobilfunkgerät Schlagzeug und da ist es viel einfacher. Da wird natürlich viel mehr gerappt, das sind zwei Sachen, die ich zusammen machen kann.

Was treibt den Hausfreund an?

Das was ich schon gesagt habe über die Dorfdiscos, ich will die Fragen stellen die dafür sorgen, dass Leute, die morgens vielleicht zur Arbeit wollen und 1,5 Stunden auf der Autobahn fahren, sich dann fragen: Was mach ich hier überhaupt, warum will ich da jetzt hin? Darf ich das? – “Thema Kopf ab, Weltgericht” – darf ich das, nach Wolfsburg fahren und VW’s bauen, wie teuer ist das denn, da krieg ich ja jeden Monat 3000 Euro dafür, aber wie viel muss ich eigentlich bezahlen? Darf ich das, kann ich mir das leisten? Also so wie ich ja glaube, dass wir das erleben werden, dass hier keine Autos mehr entlang fahren, vielleicht erlebe ich das ja auch noch, dass wir Rechenschaft ablegen müssen. Warum bist du zur Arbeit geflogen, warum bist du zur Arbeit gependelt? Das wird bis jetzt vernachlässigt. Für mich sind die Folgekosten interessant, das was der Hamburger wirklich kostet, oder die Bananen, die ich gerade bei Aldi gekauft habe, wie teuer sind die wirklich, was kostet das z.B. die Leute, die da arbeiten? Ich möchte die Leute genau das fragen! Wie hoch ist denn dein Bedarf an Palmöl oder Pestiziden? Warum isst du denn die Sachen, wo das drin ist? Weil du das brauchst? Aber ich möchte das natürlich gerne so heimlich verpacken, damit man sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlt. Das gelingt mir noch nicht immer, aber ich werde diesen Weg finden, dass die Leute freiwillig „Endlich wieder Krieg“ singen, um dann beim dritten Mal Singen festzustellen – ach scheiße!!

(c) Baba Green

Das ist auf jeden Fall eine spielerische Art da ran zu gehen. Wir lernen im Studium, dass man eigentlich am besten spielerisch lernen kann. Dass lernen nur spielerisch stattfinden kann.

Ja ich will eigentlich nur spielen, ich weiß auch nicht warum, aber ich will eigentlich Kind sein, dass ist das schöne an der Gitarre, da bin ich total dankbar, dass sie für mich da ist, wenn ich ein Thema gefunden habe, und ich kann mich mit dem Thema spielerisch beschäftigen, dann kommt eins zum andern.  Ich habe keine Lust mir das solange durch den Kopf gehen zu lassen bis es fertig ist, das ist für mich Arbeit – das möchte ich nicht. Also ich hab eine kurze Phrase – z.B. “Fröhlich bei Rot in den in den Tod”, und ich weiß, weil es mir so viel Spaß macht, wird aus “Fröhlich bei Rot in den Tod” etwas sehr viel größeres werden, weil es mir Spaß macht etwas zu hegen und zu pflegen. Das ist nur übers Spiel und nicht durchs Überlegen möglich, sonst kommt man nur in Sackgassen. Ich finde das z.B. total tragisch, wenn Kinder nicht spielen dürfen, weil die Eltern viel besser wissen, wie das geht.

Was ist dein Ziel?

Ich habe ein ganz grundsätzliches Ziel, ich muss ganz dringend bevor ich sterbe mit mir, meiner Umwelt, meiner Familie muss alles klar und im reinen sein. Rechtzeitig alles klar haben. Dann möchte ich gerne eine Wohnmobil und dann immer nur ganz kleine Etappen fahren. Und das andere Ziel, das widerspricht dem anderen ist eine Bahn-Card 100, ich hab tatsächlich total Lust viel aufzutreten.

Am liebsten würde ich den Hausfreund salonfähig machen, dass der mich mit seinem Quark ernährt. Dienstleistung ist verschwendete Zeit. Ich mache nix, was ich nicht sowieso machen würde. Ich habe mal ein Buch gelesen, da stand so was drin wie: “Der Maurer der mauert, der Bäcker bäckt, der Schreiner schreinert und der weise Mann zähmt seinen Geist.” Da hab ich gedacht, mehr will ich nicht machen. Diese Verschwörung, man könnte meinen, dass man die Leute in so einer aufgeregten Aktivität hält, jeder muss früh aufstehen und tun und machen und noch drei Kaffee und wer am schnellsten am Abgrund ist, hat gewonnen. Was?! Mach doch mal in Ruhe und mit Absicht nix. Ganz gezielt. Das wäre toll!!

Diese Kollage ist während dem intermedialog entstanden.

(c) Baba Green & Hausfreund Semanski – Metabolismousse