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mit mir allein

Mit mir allein

Nach meiner letzten Beziehung fühlte ich mich einsam, ich bin davor nie lange alleine gewesen. Ein Mann nach dem anderen kreuzte mein Leben, ob Beziehung oder Bettgeschichten oder auch irgendetwas undefinierbaren dazwischen, es gab immer jemanden der da war. Jemanden der mich mitnahm. Der mir anbot ein Stück auf seinem Weg zu gehen, dabei verließ ich immer wieder meinen eigenen. Jemanden der meine Gedanken bestimmte, Zeit mit mir verbrachte, mich in den Wahnsinn trieb und ab und zu vielleicht auch mal ein kleines bisschen glücklich machte. Aber vor allem schafften sie alle eins, dass ich mich nicht mit mir selbst beschäftigen musste. Mein Lebensmittelpunkt bildeten immer andere Mensch und niemals ich selbst. Das dies einschneidende Folgen haben würde, war mir nie wirklich bewusst.

Die ersten Wochen nach der letzten Trennung waren kaum bis unmöglich auszuhalten. Die ersten Entzugserscheinungen des alleine sein traten ein und ich wollte dieses Gefühl nicht mehr spüren, wollte mich am liebsten wieder ablenken. Ich fühlte mich allein und einsam, zog mich immer mehr zurück und durchlebte in dieser Zeit diverse Höhen und Tiefen. Glückliche Tage und Tage an denen es ohne weinen nicht möglich war einzuschlafen, Tage die sich vermischten und Tage an denen ich eine ständig schwankende Gefühlswelt durchlebte. Manchmal hockte ich stundenlang vor meinem Bett, die Musik dröhnte in meinen Ohren und ich weinte, ich weinte bitterlich auf eine Art die ich bis dahin nicht kannte. Traurigkeit und Unsicherheit durchströmten mich. Ich fühlte mich hilflos ausgeliefert. Aber wem war ich denn ausgeliefert, eigentlich doch nur mir. Ich führte einen Kampf gegen mich selbst, mit mir selbst. Kein Mann, keine Freunde oder die Familie brachten mich zum Weinen, nein das war ich. Ich ganz allein.

Ich wollte standhaft bleiben und mir diese Zeit mit mir alleine geben. Wollte endlich den Weg zu mir selbst einschlagen und meine eigenen Gedanken hören und vor allem wollte ich diesen endlich zuhören. Ich musste wissen, wer eigentlich dieses bemitleidenswerte Wesen war, welches da stundenlang auf dem Boden hockte und vor sich hin wimmerte.

Rückblickend ist mir heute klar, dass mir in dieser Zeit wohl bewusst geworden ist, wie ich eigentlich die letzten Jahre meines Lebens verbracht habe, wie wenig ich doch auf mich selbst gehört und geachtet habe. Ständig unter dem Druck anderen zu gefallen, lebte ich ein Leben, welches sich nicht auf meine eigenen Gedankengebäude stützte nicht durch meine Wünsche und Vorstellungen gesteuert wurde. Ich nahm die Sichtweisen und Gedankenspiele anderer Leute in mir auf und es gab keinen durchdringen mehr zu mir selbst. Mich selbst zu hören war unmöglich geworden. Mir ist bewusst geworden wie viel Zeit ich mit Menschen verbracht habe, die immer nur an sich selbst dachten. Denen ich im Grunde völlig egal war. Ich fühlte mich lächerlich. Aber so schlimm diese einsame Zeit auch war, umso mehr habe ich wieder zu mir selbst gefunden. Jeder Tag war ein kleiner Kampf aber am Ende des Tages auch immer ein kleiner Erfolg.

Ein Schritt in die richtige Richtung, ein Schritt auf mich zu, auf meinem Weg, einer nach dem anderen.

Ich fing an Unternehmungen alleine zu machen, was früher undenkbar für mich gewesen wäre, einfach weil ich es mit mir allein nicht ausgehalten hätte.

Ich ging stundenlang spazieren, ging alleine etwas essen, bummeln, ins Museum und verabredete mich mit mir selbst. Es gibt diesen Spruch, der mich sehr geprägt hat: „Wenn dich das Leben zu einer Verabredung mit dir selbst einladen würde, würdest du dann hingehen? “

Mein Leben lud mich zu Verabredungen mit mir selbst ein und ich ging hin, jedes Mal mit einem besseren Gefühl und jedes Mal fühlte ich mich ein bisschen weniger einsam. Der tägliche Blick in den Spiegel fiel mir immer leichter und auch den Augenkontakt zur mir selbst zu halten, gelang mir immer besser. Ich begriff in dieser Zeit vor allem eins, dass ich der aller wichtigste Mensch in meinem Leben bin, ich bin 24 Stunden am Tag vom ersten bis zum letzten Atemzug mit mir zusammen. Ich musste mich besser um mich kümmern. Vergessen wollte ich mich, ab diesem Zeitpunkt, nie wieder.

Inzwischen war es für mich völlig normal Dinge alleine zu unternehmen. Endlose Stunden vor dem Fernseher gehörten der Vergangenheit an. Die Tränen versiegten und ich fühlte mich frei und verstanden. Ich könnte meine Gedanken klar und deutlich hören, hatte den richtigen Weg eingeschlagen und war Dankbar und auch ein bisschen stolz. Und vor ein paar Tagen habe ich dann etwas Wunderbares erlebt, ich sah es als Geschenk als Belohnung für mein durchhalten. Dafür dass ich dieses Mal den, für mich, schwereren Weg gegangen bin.

Ich war mal wieder allein unterwegs. Ich saß auf der Bank, ein Buch auf dem Schoß, die Beine verschränkt, die Sonne im Gesicht und mein Blick richtete sich aufs Wasser. Das Wasser kam mir an diesem Tag so still vor, obwohl so viele Segelboote darauf zu sehen waren. Um mich rum Menschenmassen aber das störte mich in diesem Augenblick nicht. Ich hielt inne, atmete ein und bemerkte wie mir Tränen in die Augen schossen, wie sich ein wohlig warmes Gefühl in meinem Bauch ausbreitete. Ich streckte meine Nasen noch ein kleines bisschen mehr der Sonne zu. In diesem Moment, an diesem Ort ist es passiert, ich war glücklich. Ich war wirklich glücklich mit mir allein. Ich nahm mich an und ich brauche in diesem Moment niemanden, niemanden der mein Selbstwertgefühl durch schöne Worte stärkte. In diesem Augenblick brauchte ich nur mich selbst und ich merkte das sich etwas in mir verändert hat, nach all den langen Wochen und Monaten in denen ich mich einsam gefühlt habe, nach all den endlosen Stunden in denen ich bitterlich geweint habe, im Kampf mit mir selbst, um mich selbst zu finden, saß ich da und konnte mein Glück kaum fassen. Ich war nicht einsam und ich werde nie mehr einsam sein, solange ich mich selbst lieben werde.

Noch lange bin ich nicht am Ziel angekommen, der Weg zu sich selbst zu finden, ist langwierig, steinig. Er enthält viele Höhen und Tiefen, tückische Fallen und vor allem Rückschläge. Aber ich will weitergehen, möchte meinen Weg nie mehr verlassen müssen, ich will neue Fußabdrücke setzten auf dieser unberührten Route und nicht mehr in alte Fußabdrücke treten, auf Wegen von jemand anderen.


Gastautorin: Josephine Krause