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Wer bin ich, dass ich denke, ich kann diesen Kinder irgendetwas zeigen?

Wer bin ich, dass ich denke, ich kann diesen Kindern irgendetwas zeigen?

„Wer bin ich, dass ich denke, ich kann diesen Kindern irgendetwas zeigen?“
fragt mich Raisa, eine Mitarbeiterin im Centro Cultural in Manzanillo, Mexiko, die mittlerweile eine gute Freundin ist, als wir uns über die Arbeit mit den Kindern aus unseren Werkstätten austauschen. Auch sie kennt diese Momente, die auch ich manchmal habe. Momente in denen man sich fragt: „Was tue ich hier eigentlich und zu welchem Zweck und vor allem: für wen?“. Ich bin überrascht, das von ihr zu hören, denn sie hat schon jahrelange Erfahrungen in der künstlerischen Zusammenarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und sie kam mir während ihrer Stunden immer super souverän und spontan vor. Deshalb war ich froh zu hören, dass auch sie diese Unsicherheit kennt, die einen an manchen Tagen heimsucht, besonders dann, wenn etwas ganz anders gelaufen ist, als man es sich vorgestellt hat, denn es gibt Tage, an denen nichts zu funktionieren scheint. Man stellt eine Übung vor und die Kinder gucken einen schief an, als ob man ihnen gerade vorgeschlagen hätte, auf einem Frosch zu reiten. Manchmal sind es gerade die Übungen, von denen man dachte, sie wären besonders cool. Die Kinder haben keine Lust oder wirken gelangweilt und ich merke das und denke: „Scheiße, die finden die Übung voll blöd und mich finden sie auch komisch“. Ich beginne dann schnell an mir zu zweifeln und werde nervös, was wiederum die Kinder merken und spätestens dann hat man verloren, denn wenn man selbst nicht hinter dem steht, was man tut, wie sollen dann die Kinder erst dazu stehen?
Im Gespräch mit Raisa wird mir das klar und ich will mir merken, dass es nur klappen kann, wenn ich selbst überzeugt von dem bin, was ich mache und dies auch nach außen hin zeige. Auch stellt sich in unserem Gespräch heraus, dass einige Dinge mehr Zeit brauchen, weil die Kinder Anderes gewohnt sind und wir vielleicht ab und an zu ungeduldig sind und Überforderung als Desinteresse interpretieren.
Zu Beginn habe ich Raisa bei ihrer Theater-Werkstatt begleitet. Mittlerweile habe ich meine eigene Werkstatt zum Thema Kreativität. Dabei möchte ich die Kinder mithilfe künstlerischer Arbeit dazu anspornen, ihren eigenen Ideen mehr Raum zu geben und sich trauen, diesen nachzugehen. Sie sollen ihr eigenes Potential entdecken und Dinge auf eigene Art und Weise interpretieren. Warum?

Die Kinder, die meine Werkstätten besuchen, kommen aus sozial schwachen Familien. In der Schule geht es in Mexiko hauptsächlich ums Auswendiglernen und Wiedergeben von Informationen. Die Kinder sind es hier gewohnt, Anweisungen von Erwachsenen zu folgen, ohne über den Inhalt nachzudenken. Sie werden nicht dazu gefordert, Dinge zu hinterfragen. Besonders präsent in der mexikanischen Kultur ist auch die ständige Unverbindlichkeit und Unzuverlässigkeit, weshalb es den Kindern schwer fällt, konzentriert an einer Sache zu arbeiten und sie zu Ende zu bringen.

Das merke ich auch in meinen Werkstätten. Die Teilnehmer sind meistens unpünktlich und kommen nicht regelmäßig. Wenn ich den Kindern eine Aufgabe stelle, an denen man stundenlang arbeiten könnte, sind sie oft schon nach wenigen Minuten fertig. Sie sind es gewohnt, als Ziel zu haben, eine Sache möglichst schnell zu erledigen, anstatt dem Prozess mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ich fordere sie dazu auf, draußen nach Gegenständen zu suchen, mit denen man andere Arten von Spuren hinterlassen kann, als mit einem Pinsel. Sie kehren nach kurzer Zeit zurück und haben nicht wirklich viel gesammelt. Sie sollen die verschiedenen Linien ausprobieren, die die Dinge hinterlassen. Nach einem kurzen Strich mit jedem Gegenstand meinen sie, fertig zu sein. Ich gebe ihnen mehr Zeit, zum einen, weil ich für die Aufgaben mehr Zeit eingerechnet habe und keine anderen Aufgaben mehr parat habe und zum anderen, weil ich sehen will, was passiert. Zunächst wirken sie unmotiviert und lustlos, der Übung noch mehr Zeit zu geben, doch nach einiger Zeit sehe ich, wie die Kinder anfangen, mehr auszuprobieren, zu experimentieren. Die Linien werden bewegter, es kommen Punkte hinzu, Kleckse, die Materialien werden in verschiedenen Weisen über das Blatt bewegt, sodass verschiedene Spuren entstehen. Ich beobachte, wie die Kinder sich in die Aufgabe vertiefen und mehr ausprobieren wollen. Da sie zu Beginn nicht viele Materialien gesammelt haben, tauschen sie ihre Funde jetzt untereinander aus und gehen erneut auf die Suche und die Blätter füllen sich mit Spuren aus schwarzer Tinte und ich muss sie am Ende sogar dazu auffordern, langsam zum Ende zu kommen, um die nächsten Schritte auszuprobieren. Ich merke, wie wichtig es ist, den Dingen Zeit zu geben und mehr Geduld zu haben, bevor man anfängt, sich selbst zu stressen und verrückt zu machen. Mir fällt auf, dass auch ich Zeit brauche, um mich an die Kultur hier zu gewöhnen, die so anders ist, als ich es gewohnt bin. Ist irgendwie nicht ganz unähnlich. Manchmal spüre ich jedoch auch, dass ich meine Vorgaben flexibel genug halten muss, um den Kindern ihren eigenen Freiraum zu lassen. Es geht mal wieder um den „guten Rahmen“, dessen Balance es zu halten gilt. Die Kinder sollen ihre „Spurenbilder“ zerschneiden und anschließend zu einer Collage verarbeiten. Danach können sie die Collage weiter ergänzen. Die Kinder fragen mich nach Farben. Eigentlich war es nicht der Plan, Farben zu integrieren. Aber letztendlich überzeugen mich die Kinder und anstatt mich an meinem Plan festzuklammern, lasse ich sie Farben benutzen, auch weil ich neugierig bin, was sie damit machen. Die Bilder, die entstehen, überraschen mich positiv und machen mich glücklich, denn sie sind toll und vielfältig und die Kinder arbeiten intensiv und konzentriert an ihren Werken. Ich bin stolz, denn auch sie sind überzeugt von ihren Endwerken. Ich weiß nicht, was mit den Werken passiert, wenn die Kinder sie mitnehmen. Ob die Eltern die Arbeiten wertschätzen, oder nicht. Auch kann ich nicht verhindern, dass den Kindern zuhause Gewalt widerfährt, dass der Kunstunterricht in der Schule das Gegenteil von meiner Ansicht von Kunst ist und ich kann nicht wissen, ob sich durch meine Arbeit mit den Kindern langfristig etwas ändert.

Aber ich weiß, dass mir die Arbeit mit ihnen Spaß macht und dass die Kinder in der Zeit, die sie mit mir verbringen etwas anders machen, als sie es gewohnt sind. Dass sie in diesen Momenten da sind, präsent sind und vielleicht etwas aus den Stunden mitnehmen. In ihr Leben. In ihre Welt. Und dort einen Platz findet. Und dass es deshalb meine Arbeit wert ist, diesmal ohne Zweifel.

Gast-Autorin: Janina